Filmkritiken

                                     Aus ihren kalten toten Händen

Zumindest ein Aspekt von Ruben Fleischers hyper-modernisiertem Gangsterfilm „Gangster Squad“ erreicht tatsächlich eine Ahnung vom Hollywood der 40er-Jahre im neuen Gewand – ein Gefühl nach dem der Film ansonsten vergeblich strebt. Es handelt sich um das „Warner Brothers“-Logo vor Beginn des Films, welches an die Zeit des Hollywoodschen Studiosystems erinnert, als noch jedes Filmstudio in einem bestimmten Genre unangefochtener Spitzenreiter war: Für MGM waren es Musicals, für Paramount Komödien und für das Studio der Gebrüder Wonskolaser (später Warner) eben knallharte Gangsterfilme. Davon einmal abgesehen könnte Fleischers post-moderne Ballerorgie allerdings ebenso gut in jeder anderen Zeit stattfinden: Das, zugegeben optisch ansprechende, 1940er-Dekor ist reines Spektakel, verbindet sich zu keiner Zeit sinnvoll mit der reaktionären Story-Prämisse.

Mit den berühmten Gangsterfilmen der 1930er hat „Gangster Squad“ erst recht nichts zu tun; die beschäftigten sich schließlich mit dem Aufstieg und Fall einer schillernden Figur der Unterwelt wie „Scarface“ oder „Little Ceasar“. Dabei hätte es Fleischers Film sicherlich gut getan, mehr Zeit auf den zentralen Gangsterprotagonisten Mickey Cohen zu verwenden. Der sorgt nämlich, dank einem hervorragend aufgelegtem Sean Penn, für die besten Momente dieses überlangen Stumpfsinns und zu gerne würde man mehr über seinen nur angedeuteten Aufstieg vom Boxer zum kriminellen König von Los Angeles erfahren. Stattdessen stellt sich „Gangster Squad“ in die Tradition der „G-Men“ zu J. Edgar Hoovers Zeiten und zelebriert eine Gruppe von Cops, die Cohens Organisation außerhalb des Gesetzes auseinandernehmen sollen, mit allen nötigen Mitteln.

(c) Warner Bros. Pictures Germany

So geht es im neuen Film von Ruben Fleischer, dessen Debüt „Zombieland“ immerhin an der Spitze des insgesamt eher lästigen Genres der Zombiekomödie rangiert, eigentlich eher um eine Gruppe von Dirty Harrys im Los Angeles der Nachkriegszeit – nur, dass nicht auch nur ein einziges Mitglied der Truppe annähernd an Eastwoods ruppigen Charme herankommt. Josh Brolins Seargent O’Mara ist als Anführer der Truppe bezeichnenderweise auch die blasseste Figur: Man mag in einem Action-Film nicht zwangsläufig Charaktertiefe erwarten, O’Mara aber wird in einer Szene des Films tatsächlich in zwei Sätzen zusammengefasst: Kriegsheld, Familienmensch, fanatischer Gangsterjäger. Zwei mal innerhalb von fünf Minuten sagt ein anderer Charakter zu ihm: „Hey John, der Krieg ist vorbei.“ Wie schon in Fleischers Vorgängerfilm „30 Minuten Oder Weniger“ ist das Drehbuch ein grauenhaft konstruierter, schlechter Witz – wenn sich auch diesmal ein gewisser Will Beall verantwortlich zeigt. Nicht weniger ermüdend wirken MTV-Stilmittel wie Stakkato-Schnitt und Standbilder, die spätestens mit Beginn dieses Jahrzehnts eingemottet gehörten.

Auch die anderen, durchweg großartigen Schauspieler werden gnadenlos verheizt. Die bezaubernde Emma Stone spielt Grace, gleichzeitig Geliebte von Gangster Cohen und Cop Wooters, hat aber bis zum Schluss keinerlei narrative Funktion. Besagter Wooters wird von Ryan Gosling verkörpert, der dem saufenden Tunichgut immerhin einige nette Momente entlockt. Robert Patrick muss gegen die vollständig karikatureske Konzeption seiner Figur anspielen, Nick Nolte hat als Polizeichef ebenfalls fast nichts zu tun. Die insgesamt interessanteste Figur unter den Outlaw-Cops ist Officer Conway Keeler, brillant verkörpert von Giovanni Ribisi. In einem fehlgeleiteten Versuch, klassisches Gangsterkino mit „The Wire“ zu verknüpfen, ist Keeler der Abhörexperte der Truppe und auch der einzige von den harten Kerlen, der die Berechtigung des brutalen Unterfangens hinterfragt. „I’m having a hard time figuring out the difference between us and them,“ sagt er an einer Stelle zum waffengeilen Kriegsheld O’Mara und greift damit schließlich den eigentlichen Kernaspekt der fröhlichen Bürgerwehr-Mentalität des Films auf. Kurz darauf liegt er dafür auch schon tot in der Ecke.

Mit dieser Erst-Schießen-Dann-Fragen-Ideologie kommt „Gangster Squad“ angesichts aktueller Diskussionen um das US-Waffenrecht natürlich genau zur rechten Zeit und liefert auch genau die „rechte“ Antwort. Die ironische Krönung dieses erzkonservativen Waffenfetischismus ist aber, dass die Filmemacher eine Szene aus dem Film entfernt haben, in dem blutrünstige Gangster einen ganzen Saal voller unschuldiger Kinozuschauer niedermähen – „aus Respekt“ vor den Opfern des Massakers in einem Kino in Aurora im vorigen Jahr. Dass der Film gleichzeitig außergesetzliche Waffengewalt völlig unkritisch als einzig mögliche Lösung der Verbrechensbekämpfung propagiert, qualifiziert ihn damit als Abschlussfilm fürs nächste NRA-Treffen.

Kinostart: 24. Januar 2013

verfasst von Tim Lindemann.

Vor 4 Monaten
  1. von whitelightninfilms gepostet