Filmkritiken

FFF 2012: BEASTS OF THE SOUTHERN WILD von Benh Zeitlin

                                         Verkopft in der Badewanne

Jeder Film baut sein eigenes Universum, seine eigene Welt und Logik auf, in die wir Zuschauer uns hineinversetzen, ihre Gesetze und Erscheinungen als vollkommen selbstverständlich akzeptieren sollen. Eine solche Welt glaubwürdig zu konstruieren, ihre Konsistenz, ihren Geruch, ihre Mechanismen über die Bilder auf der Kinoleinwand zu transportieren, ist eine der magischen Qualitäten des Kinos. Wir sind an diese Funktion gewöhnt, aber immer wieder gibt es Filme, die ihren Mikrokosmos so liebevoll, so detailliert und, ja, real aufbauen, dass es uns doch die Sprache verschlägt. Benh Zeitlins Debüt „Beasts Of The Southern Wild“ ist so ein Film, ein kraftvoller Entwurf einer Welt zwischen Wirklichkeit und Fantasie, die man als Zuschauer beinahe glaubt selbst berühren zu können.

Das gelingt oft besonders in solchen Filmen, in denen kindliche Protagonisten, als Avatar des Regisseurs fungierend, ihren eigenen Kosmos aufbauen und diesen dann in Form einer „Coming Of Age“-Geschichte verlassen oder verändern müssen. So erinnert „Beasts Of The Southern Wild“ mit seiner unbändigen visuellen Kraft an Filme wie „The Fall“, thematisch drängt sich vor allem Michael Endes Buchvorlage der „Unendlichen Geschichte“ als Referenz auf. Im Zentrum von Zeitlins Film steht Hushpuppie, ein etwa 7-jähriges Mädchen, das mit ihrem Vater in der märchenhaften Gemeinschaft namens „The Bathtub“ wohnt – einer halb-überschwemmten Flusslandschaft im Süden der USA, die aufgrund eines Staudammbaus endgültig im Wasser zu verschwinden droht. Diese Kommune, bewohnt von liebenswerten Außenseitern, inszeniert Zeitlin mit handwerklicher Perfektion: Vom weichen Licht bis hin zur detailverliebten Ausstattung, von den Kostümen der Bewohner bis zum makellosen Sounddesign lässt der Regisseur größte Sorgfalt walten und die „Bathtub“ so für uns Wirklichkeit werden. Wer James Camerons rein digitales Pandora schon beeindruckend fand, wird sich in der fast haptischen Magie dieser kleinen Welt förmlich verlieren.

(c) MFA+ Film Distribution

Eine ebensolche Attraktion wie das Setting aber ist die junge Hauptdarstellerin: Quvenzhané Wallis verkörpert die mutige, nimmermüde Hushpuppie mit ansteckendem Elan – wie der kleine Max in „Wo Die Wilden Kerle Wohnen“ tobt sie durch ihr wässriges Reich. Es ist daher nur konsequent, dass ihre Figur im Film von Anfang an motivisch mit Feuer verknüpft ist: Mal zündet sie nach einem Streit mit ihrem Vater die Küche an, läuft mit bengalischen Feuern durch die „Bathtub“ oder löst gar eine Sprengladung aus.

Ohnehin strotzt dieser Debütfilm nur so vor komplexen Metaphern, Gleichnissen und visuellen Verbindungen, türmt klassische Erzählmotive des Erwachsenwerdens aufeinander und integriert sie in sein Bayou-Märchen: das Verschwinden von Autoritätsfiguren, die Suche nach dem eigenen Ursprung, die Bedrohung der eigenen, kleinen Welt durch uneinschätzbare, externe Mächte. Letztere werden in „Beasts Of The Southern Wild“ von gesichtslosen Beamten verkörpert, die Hushpuppie und ihre Freunde aus der geliebten „Bathtub“ evakuieren wollen. Tatsächlich gelingt dem Regisseur ein veritabler Schockmoment, als er die organische Szenerie plötzlich verlässt und Zuschauer wie Protagonisten in die sterile Außenwelt wirft, die mit ihrer klinischen Reinheit Entwurzelung und Tod symbolisiert. Assoziationen zum realen Katrina-Unglück dürften ebenfalls nicht zufällig entstehen. Für all die Ängste und Bedrohungen, mit denen das kleine Mädchen im Herzen des Films konfrontiert wird, findet Zeitlin ein simples, aber kraftvolles Bild, welches noch einmal ganz besonders atmosphärisch an die „Unendliche Geschichte“ erinnert: Eine Horde monströser, schwarzer Stiere, die sich unaufhaltsam der Enklave nähern und alles zu zerstören drohen.

Man kann es diesem handwerklich so perfekten und thematisch so kompliziert gewebtem Film aber auch durchaus vorwerfen, dass er die Ideale, die die Hauptfigur Hushpuppie verkörpert, selbst unterläuft. So wirkt „Beasts Of The Southern Wild“ oftmals ein wenig zu clever, ein wenig zu sorgfältig konstruiert, als das man ihm seinen magischen Sturm-und-Drang-Gestus dauerhaft abnehmen könnte. Besonders gegen Ende führt Zeitlin zu viele Wendungen ein, verlässt sich plötzlich nur auf den Plot, anstatt wie zuvor einfach seine spannenden Figuren und das großartige Setting für sich selbst sprechen zu lassen. Die immer offensichtlicher werdende Vielseitigkeit des Filmtitels ist bezeichnend für die visuelle wie inhaltliche Überladenheit des Films, der zunehmend schlauer, akademischer wirkt, als ihm selbst gut tut. Sicherlich ist das aber ein ebenso typisches wie verzeihbares Merkmal von Debüt-Filmen, welches das schiere Sehergnügen bei „Beasts Of The Southern Wild“ nur unwesentlich mindert. Ein triumphales Debüt eines Regisseurs mit Gefühl für Optik und Subtext, der das Verhältnis zwischen diesen beiden Polen in seinen kommenden Werken sicherlich noch perfektionieren wird.

Kinostart: 20. Dezember 2012

verfasst von Tim Lindemann

  • 21 August 2012