Filmkritiken

ALPEN von Giorghos Lanthimos

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Den direkten Vergleich konnte ″Alpen″ eigentlich nur verlieren: Regisseur Giorgos Lanthimos’ Vorgängerfilm ″Dogtooth″ war nicht nur eine clevere, verstörende und gnadenlos komische Abhandlung über familiäre Machtstrukturen, er erschien dank seiner virtuosen, nie um einen visuellen Fausthieb verlegenen Inszenierung beinahe als bewusstseinserweiternde Erfahrung. ″Alpen″ kommt nun ruhiger daher, mit weniger schöpferischer Wut im Bauch, aber darum kein bisschen weniger atmosphärisch. Lanthimos beweist mit seinem neuen Film, dass er mehr als nur einen Weg kennt, alltägliche Phänomene zu dekonstruieren und zu verdrehen und uns in den daraus entstehenden, bizarren Bildern immer wieder verblüfft selbst erkennen zu lassen.

Das Grundmotiv des Films ist ″Ersatz″, jenes Wort, das im Deutschen, ″eine Person oder Sache bezeichnet, die anstelle einer anderen Person oder Sache eingesetzt wird, deren Funktion übernimmt.″ Im Englischen ist das Leihwort deutlich negativer konnotiert, bezeichnet ein minderwertiges Surrogat. Was nun davon auf die ″Alpen″ zutrifft, mag jeder selbst entscheiden. Dabei handelt es sich nämlich um eine merkwürdige Gruppe von Menschen, die den Hinterbliebenen kürzlich Verstorbener einen ungewöhnlichen Service anbietet: Für eine bestimmte Zeitspanne schlüpft ein Mitglied der ″Alpen″ (deren Decknamen allesamt von Bergen inspiriert sind) in die Rolle des Toten, besucht die trauernden Angehörigen täglich für ein paar Stunden und wird von ihnen in die Verhaltensweisen und Vorlieben des Verstorbenen eingewiesen. Manch einer möchte einfach nur noch einmal seine verunglückte Tochter vor dem Einschlafen zudecken, ein anderer spielt mit der Ersatz-Freundin erneut den letzten, großen Streit nach, diesmal aber mit selbst geschriebenem Happy End. Und ja, auch noch intimere Wünsche erfüllen die ″Alpen″ unter Umständen.

Einerseits ist das natürlich ein recht deutlicher Meta-Verweis auf die große Ersatz-Maschine Kino, die, frei nach Kritikerlegende André Bazin, stets danach strebt, das ″echte Leben″ so authentisch wie möglich nachzuahmen, zu ersetzen, und uns gleichzeitig in fremde Welten zu entführen. Im ″echten Leben″ liegt uns etwa wenig daran, zwischen die Fronten zweier Gangsterbanden zu geraten, im Kino aber können wir kaum erwarten, bis die ersten Schüsse fallen. Lanthimos treibt diese cinephile Deutung grandios auf die Spitze: Die erste Frage, die ein Mitglied der ″Alpen″ einem Hinterbliebenen stellt, bezieht sich stets auf den Lieblings-Hollywood-Schauspieler des Verstorbenen. Die schräge Komik dieser Szenen erinnert deutlich an den Vorgänger ″Dogtooth″, in dem Videokassetten von ″Rocky″, ″Flashdance″ und ″Der Weiße Hai″ den Ausbruch aus der elterlichen Diktatur einleiteten.

(c) Rapid Eye Movies

Ebenso beschäftigt sich der Film aber mit dem menschlichen Grundbedürfnis nach Ersatz, der Unfähigkeit, mit Beziehungen oder Beschäftigungen einfach abzuschließen, Hoffnungen einfach aufzugeben. Lanthimos nimmt dieses Bedürfnis sehr ernst, führt es niemals zynisch oder spöttisch vor. Sind die Menschen, die die Dienste der ″Alpen″ in Anspruch nehmen krank, ihre Angst vor dem Loslassen unnatürlich? Lanthimos Antwort bleibt bewusst vage, indem er sowohl die absurden, pathologischen Seiten des Unternehmens als auch die zu Tränen rührenden, positiven Möglichkeiten des ″Alpen″-Konzepts erkundet.

Schärfer ist sein Blick da schon eher auf die ″Alpen″ an sich, eine strikt hierarchisch geführte Gruppe, in der Regelübertretungen mit brutaler Gewalt bestraft werden und die eiskalt mit dem Tod kalkuliert: Die Nachricht, dass ein schwer verletztes, junges Mädchen vielleicht doch überleben könnte, wird mit Missmut empfangen – schließlich ist somit ein Auftrag durch die Lappen gegangen. Auch hier verfällt der griechische Regisseur aber nicht in den unversöhnlichen Tonfall, von dem ″Dogtooth″ stellenweise gekennzeichnet war, der in ″Alpen″ aber fehl am Platz wirken würde. Letztlich nutzt die bunt gemischte Truppe nur eine wirtschaftliche Nische, das oben genannte menschliche Bedürfnis eben, und schlägt daraus Kapital, nicht anders als Ärzte oder Bestatter. Eine der großartigsten Szenen des Films deutet zudem an, dass die ″Alpen″ ihren ″Job″ zuallererst aus Liebe zur Performance ausüben.

Anders als ″Dogtooth″ ist ″Alpen″ kein Film, der einen als Zuschauer ständig aufs Neue überrumpelt, schockiert und verwirrt. Lanthimos entwickelt sein Universum diesmal deutlich entspannter, langsamer – eine Schlüsselszene des Films etwa findet in Superzeitlupe und ohne Ton statt; es dauert eine Weile, bis der Zweck der ″Alpen″ überhaupt enthüllt wird. Visuell setzt der Regisseur statt auf die grellen, beinahe unnatürlichen Farben des Vorgängers hier auf erdige Töne und ungefiltertes, kühles Tageslicht. Dennoch führt Lanthimos seinen Stil eindeutig fort, zeigt sich wie in seinen beiden anderen Filmen interessiert an Prozessen von Machtausübung und Selbstinszenierung, ganz besonders in Form von Sprache und Sprechen. Der Eindruck, dass hier eines der größten Talente des aktuellen europäischen Kinos am Werk ist, hat sich mit ″Alpen″ jedenfalls noch verstärkt, auch wenn der Film mit dem wüsten, wilden ″Dogtooth″ nicht ganz mithalten kann. Bald schon aber könnte Lanthimos Einzug halten in den Kanon europäischer Autorenfilmer, den man schließlich nur mit einem ganz eigenen, ja, ersatzlosen Stil erreicht.

geschrieben von Tim Lindemann.

  • 18 Mai 2012