Filmkritiken

                                                  Malen nach Zahlen

“Moneyball” ist ein Sportfilm. Und wie alle Sportfilme ist er kein Film über Sport. Brad Pitt und Jonah Hill sprechen zwar 95 % des Films wirklich über dieses wunderliche Spiel aus Amerika, doch am Ende des Tages ist das Baseballstadion auch nur Austragungsort einer anderen Geschichte. ″Rocky″ ist kein Film über das Boxen, ″The Social Network″ ist kein Film über Facebook und ″Moneyball″ ist nicht nur was für Schlagballfreaks – die Regeln verstehen Europäer hinterher immer noch nicht. Doch das straffe Sportdrama ist nichtsdestotrotz ein mutiger Sprung für Regisseur Bennett Miller, der 2005 noch gemeinsam mit Alleskönner Philipp Seymour Hoffmann und seinem hochgelobten Biopic ″Capote″ für Furore sorgte. Miller legt locker den Schalter um und bietet nach der abgründigen Studie des schwulen Dichterfürsten eine intelligent angelegte all-american Männergeschichte an, die in ihren Grundfesten sogar subtile Radikalität anbietet.

Billy Beane (Brad Pitt) ist Manager der Oakland Athletics, einem wirklich nicht schlechten, aber finanziell hoffnungslos unterlegenen Baseball-Team. Er hat eine gescheiterte Profisport-Karriere und eine gescheiterte Ehe hinter sich. Jetzt versucht er als Manager nachzuholen, was er als Spieler verpasst hat. Außerdem möchte er ein guter Vater sein, wo er kein guter Ehemann war. Billy Beane ist ein starker und gebrochener Mann, ambitioniert, intelligent und durchsetzungsstark. Er kann es nicht mehr ertragen, dass seine Mannschaft nicht gewinnen kann, weil das Budget zu klein und die guten Spieler zu teuer sind. Er braucht ein Rezept, um ein unfaires Spiel zu gewinnen. Als er den dicken, schüchternen Wirtschaftswissenschaftler Peter Brand (Jonah Hill) kennen lernt, bietet sich die Chance: der junge Yale-Absolvent hat eine Lücke im Profisport gefunden. Anstatt Spieler zu kaufen, deren Gehalt und Selbstbewusstsein ins Astronomische gehen, sollte man sich auf die Statistiken stürzen. Nicht Erscheinungsbild und Ruhm eines Spielers sind wichtig, sondern alleine die Zahlen, seine am Computer berechenbare Leistung. Es geht nicht mehr um Spieler-Ikonen, sondern um Siegesberechnung. Und laut Brand kann Beane ein echts Winnerteam zum Spottpreis zusammenkaufen, vorausgesetzt er achtet auf die richtigen Statistik-Kombinationen. Aus Baseball wird Moneyball.

moneyball

(c) Sony Pictures

Jonah Hill und Brad Pitt geben dem Kampf David gegen Goliath ein neues Gesicht. Es geht nicht um die sympathische Loser-Mannschaft, die am Ende den Riesen bezwingt, weil sie die bessere Seele hat. Viel mehr reibt Billy Beane an der Wunderlampe, an einem aufgedunsenen, halbstarken Mathematiker in langweiligem Anzug und der spuckt ihm die nötigen Zahlen aus. Jonah Hill spielt den Stochastik-Guru mit einer so autistischen Klarheit und uncoolen Sympathie, dass der Zuschauer im Grunde schon im ersten Moment sieht: der Junge liegt richtig und er weiß es ganz genau. Billy Beane ist der einzige Mann im Baseball, der dem Wirtschaftswissenschaftler Glauben schenkt. Gemeinsam treten sie gegen die etablierte, altehrwürdige Baseball-Welt an, die schon in den eigenen Reihen anfängt. Philipp Seymour-Hoffmann verkörpert als Oakland-Trainer Art Howe die Gegenseite. Howe ist ein bulliger Dinosaurier mit Spielkenntnis und Ego, der nichts von Computern und Zahlen und viel von Intuition und Spielfeld-Romantik hält. Er stellt sich massiv gegen seinen Manager, dessen Google-Boy und die neue Richtung.

Der Kampf des Underdogs gegen den Favoriten ist also im Grunde zweitrangig. Der Kampf von Neu gegen Alt ist vorrangig und er wird von einer ambivalenten Note begleitet: das Neue ist an dieser Stelle nämlich die Computer-Statistik, die kühle Zahlen-Jonglage. Manager Billy Beane stellt die Stochastik über die menschliche Intuition und spuckt auf eine ganze Sport-Tradition, um endlich eine goldene Siegesregel aufzustellen. Dieser Schritt, dieser große und auch zweifelhafte Sprung ist eng mit seiner eigenen Geschichte verbunden. Denn im Grunde ist er ein gezeichneter Mann, ein zutiefst abergläubischer Veteran. Hinter dem ewig smarten Lächeln, dem Kautabak, dem athletischen Körper steht ein Junge, dem das Leben ein Rätsel ist und der in der Klarheit der Zahlen endlich ein Erfolgsrezept, eine Anleitung gefunden hat. Doch erschöpft sich Leben im Siegen? Man merkt dem reichen, ambivalenten Script die Handschrift von Aaron Sorkin (The Social Network) an.

Die Bildsprache und Motiv-Ideen übernehmen diese Ambivalenz. Die Kamera ist von naturalistischer Langeweile, in die sich immer wieder ikonische Einstellungen schmuggeln oder inszenierte Fernseh-Footage von glorreichen Spielen Eingang finden. Selten sehen wir Sonnenlicht in der trüben Welt des Profisport-Managements, doch wenn wir sie sehen, dann ist sie hoffnungslos romantisch und überblendend. Sieg und Niederlage, Auserwähltheit und Normalität spiegeln sich im Film bildlich wechselseitig wider. So liegt auch das Schauspiel irgendwo zwischen hemmungslosen Over-Acting und stiller Charakterstudie. Wir sehen Brad Pitt wie einen all-american Langeweiler vor leerem Bier in lahmer Wohnung, um ihn dann in der nächsten Szene göttergleich ausrasten zu sehen. Die von Brad Pitt generierte Snack-Coolnes wird in diesem Film manieristisch auf die Spitze getrieben: Andauernd Erdnüsse, Pommes oder sonstwas auf dem Tisch, merkt Billy Beane in einer hitzig-smarten Diskussion nicht einmal, dass er gerade herzhaft kleine Papierkügelchen in sich hinein frisst.

Moneyball strotzt trotz relativer Unaufgeregtheit vor solcherlei Meta-Kommentaren. Das macht ihn spaßig und interessant und auch etwas merkwürdig. Im Grunde geht es um die Problematik von Erfolgsrezepten und warum man sie sucht. Das lässt sich auch auf alle anderen Lebensberiche beziehen, auch aufs Filmemachen. Wie ein nerdiger Cutter sitzt Peter Brand im dunklen Computer-Raum und sieht sich immer und immer wieder Statistiken und Video-Aufnahmen an, feilt an der goldenen Gleichung, ohne sich von großen Namen aus dem Konzept bringen zu lassen. Der Film selbst aber saugt uns über die Box-Office-Bullen Brad Pitt und Jonah Hill. Hätte die Filmindustrie selbst auch einmal eine Moneyball-Kur nötig, eine mathematische Formel, die jedem Indie-Label den Oscar ermöglicht, auch ohne große Namen?

geschrieben von Mattes Teschabai

3 months ago