Filmkritiken

                                         Ich sehe das, was du nicht siehst         

Mit ″Dame, König, As, Spion″ bietet uns Tomas Alfredson seinen Blick auf einen Klassiker des britischen Spionage-Romans an. In süffisanter 35-mm-Manier und mit der britischen Schauspiel-Elite im Rücken lässt der schwedische Regisseur das intrigante England des Kalten Krieges auferstehen. 1974 schrieb John le Carré die Romanvorlage und Tomas Alfredson verliert bei seiner Adaption zwei Sachen nicht aus den Augen: dass diese Geschichte erstens an eine vergangene Epoche und ihre Bilderwelt gebunden ist und dass es zweitens einer gewissen Sinnlichkeit bedarf um die britische Schnitzeljagd nach dem sowjetischen Doppelspion für ein heutiges Kino-Publikum interessant zu machen.

Der Film beginnt mit einer gescheiterten Mission. 1973 schickt Control (John Hurt), Chef des britischen Geheimdienstes, einen seiner Agenten nach Ungarn, um einen Informanten auszuhorchen. Alles geht schief, der Brite wird auf offener Straße erschossen. Der Secret Service, aufgrund seiner Adresse (Cambridge Circus) von allen liebevoll ″The Circus″ genannt, steht Kopf. Im Rahmen der gescheiterten Mission wird der gealterte Control in den Ruhestand entlassen, mit ihm auch seine Rechte Hand, Top-Spion George Smiley (Gary Oldman). Einstige Kollegen von Control und Smiley rücken nach und bilden die neue Führung. Doch schon bald nach seiner Entlassung wird George Smiley vom Staatsbeamten Oliver Lacon (Simon McBurney) wieder in den Dienst gehoben. Er soll dem Verdacht von Control folgen, der seit dem Ungarn-Eklat einen Maulwurf an der Spitze des Circus vermutete. Irgendwer geht mit den Russen ins Bett. Smiley macht sich auf die Suche nach dem Doppelspion und wühlt in den Geheimnissen seiner früheren Kollegen und Freunde (u.a. Ciaran Hinds, Colin Firth, Tom Hardy und Tobey Jones). Hierbei unterstützt ihn besonders der junge Nachwuchsagent Peter Guillam (Benedict Cumberbatch).

Dame, König, Ass, Spion

(c) StudioCanal

Der Plot beginnt einfach und im Grunde endet er auch einfach. Was dazwischen passiert, ist eine Mischung aus Schach, Scharade und einer ganz fiesen Form von Mensch Ärger Dich Nicht. Gary Oldmans Figur betrachtet die Handlungen seiner Verdächtigen und gleicht diese immer wieder mit seinen Erinnerungen ab, mit der Vergangenheit. Er speist sein inneres Bild vom großen Ganzen mit Informationen aus den verschiedensten Lagern. Mehrere Linien treffen sich in Smileys Kopf und schon bald sieht sich der Zuschauer mit der überbordenden Vielheit des Agentenlebens konfrontiert: die Suche nach dem Doppelagenten ist eine Suche, die so ziemlich alles beinhaltet, was Normalsterbliche nervös macht: brutal zugerichtete Leichen, Berge von enigmatischen Akten, Erinnerungen an nächtelange Unterredungen an verrauchten Tischen in schalldichten Zimmern. Nur ein Mann von inspiriertem Klarblick wie George Smiley kann ein so bürokratisch-archaisches Rätsel lösen ohne darüber den Verstand zu verlieren.

In seinem verwirrenden Story-Reichtum gleicht ″Dame, König, As, Spion″ einer anderen Literatur-Verfilmung: Auch David Fincher knallte uns mit ″Verblendung″ einen Protagonisten-gebundenen Bilderreigen um die Ohren, der uns schnell mal die genauen Windungen der investigativen Geschichte vergessen ließ. Tomas Alfredson löst das Problem der ausladenden Geschichte deutlich ruhiger. Er lässt uns die komplexe Suche nach dem Maulwurf als sinnliche Odyssee erleben. Sein zweistündiges Verwirrspiel wird durch den körnigen Look, durch leise expressionistische Ausleuchtung, durch subtil perfektionistisches Set-Design getragen. Die Motivklammern und die präzis gefilmten Plansequenzen von Kameramann Hoyte Van Hoytema erzählen das, was der Plot verwischt. Wo wir der Story nicht mehr folgen können, sind Kamera und Gary Oldmans epischer Blick jedem Zweifel erhaben.

Trotz seiner hohen Script-Komplexität hält der Film bestens zusammen. Ohne jegliche Action wird die Spannung über zwei Stunden gehalten und dass der Film schauspielerisch eine Bank ist, muss nicht hervorgehoben werden. John Hurt poltert als manieristischer Chef einer vergangenen Epoche, Colin Firth mimt den schmierigen MI-6-Dandy, der große Ciaran Hinds und der kleine, dicke Tobey Jones schieben sich wie ein Shakespearsches Doppel durch die höfische Intrige. Gary Oldman wandelt in einer Mischung aus herrischer Ruhe und intimer Betroffenheit durch dieses englische Sittengemälde und sucht in den weichen, nebligen Farben nach dem richtigen Rahmen, um den Schurken zu erkennen, um die Grenzen klarer zu ziehen als sie scheinen.

Tomas Alfredson verneigt sich mit ″Dame, König, As, Spion″ vor der Romanvorlage, vor Gary Oldman, vor dem klassischen Spionage- und Detektivkino und findet innerhalb dieser nostalgischen Hommage-Sprache außerdem seinen eigenen messerscharfen Stil. Klassische Cinematographie trifft auf die rätselhaft postmoderne Ruhe eines Jim Jarmusch. Der konsequente Umgang mit der langen Riege von Topschauspielern scheint mühelos. Die Inszenierung zeugt von einem sehr guten Gefühl für Literaturverfilmung, für die Vor- und Nachteile des jeweiligen Mediums und für die Übersetzung von Schrift in Bild. ″Dame, König, As Spion″ ist eine cineastisch vollgepumpte Maulwurfsjagd der Edelklasse, die bildgewaltig und Pointen-triefend daherkommt ohne jemals prätentiös zu wirken.

geschrieben von Mattes Teschabai

3 months ago