Filmkritiken

MAPS TO THE STARS von David Cronenberg

                                                  Hollywood, ein Gruselkabinett

Hollywoods legendäre Selbstverliebtheit mag europäischen Cineasten die Galle hochsteigen lassen, zweifellos aber sind aus diesem glorreichen Narzißmus einige komplexe Kunstwerke hervorgegangen: Von »Sunset Boulevard« über »Singin’ in the Rain« bis »Barton Fink« und »Argo« hat die Traumfabrik mit grimmiger Ironie an ihrem Image gebastelt – meist mit einer Mischung aus Düsternis und Schabernack. In diese Kerbe schlägt auch »Maps to the Stars«, die erste amerikanische Produktion sowie in gewisser Weise die erste Komödie des kanadischen Regisseurs David Cronenberg.

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FFF 2014: BLUE RUIN von Jeremy Saulnier

                                                         Ein Weg in die Leere

In keinem anderen Kino wird das Thema Selbstjustiz so erschöpfend behandelt wie im US-amerikanischen: Der moralische Konflikt zwischen selbstbestimmtem Individuum und kontrollierendem Staat beschäftigt die „Neue Welt“ schon seit den Frühzeiten des Kinos. Schließlich ist schon der Western, fiktionalisierter Gründungsmythos und cineastische Ursuppe der USA, „nur“ eine ewige Variation dieses Themas – wer kann in einer Welt, in der jeder mit allen Mitteln für sein eigenes Glück kämpft, für Recht und Gerechtigkeit sorgen? So ist es kein Wunder, dass die „Outlaws“ und „Vigilantes“ auch heute noch oft mit den gesetzlosen Weiten des amerikanischen Hinterlands assoziiert sind. Auch in „Blue Ruin“, Jeremy Saulniers düster-schwelender Rache-Meditation, bewegt sich Anti-Held Dwight außerhalb der urbanen Zentren durch ein verlassenes, leeres, trostloses Amerika.

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FFF 2014: IT FOLLOWS von David Robert Mitchell

                                                           Angst als Infektion

Horrorfilme können ihre Effektivität auf verschiedene Art und Weise etablieren: Schierer visueller Overkill, das Erzeugen von Ekel, die fantastische Überspitzung eines realen Tabuthemas. Keine dieser Methoden ist filmisch oder künstlerisch ″wertlos″, für sich allein aber reichen sie nur selten für eine wirklich einmalige Horrorerfahrung. Die stellt sich meist erst ein, wenn ein Filmemacher zudem all seine inszenatorische und narrative Macht darauf ausrichtet, einen alltäglichen Moment des Schauderns oder Unwohlseins einzukreisen und gnadenlos bis zu der menschlichen Urangst vorzustoßen, die dahinter steht. In ″It Follows″, dem zweiten Film des jungen Regisseurs David Robert Mitchell, ist das ganz allgemein die Angst vor unserem Gegenüber: Ob völlig Fremde, Liebhaber oder sogar die eigene Familie – was nicht das Ich ist, ist das Andere, das Es. Aus der Begegnung mit dem Anderen und seiner gänzlichen Uneinschätzbarkeit entwickelt Mitchell in seinem eindrucksvollen Film das Grauen.

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DIE ZWEI GESICHTER DES JANUARS von Hossein Amini

                                                    Idyll und Abgrund

Für die Protagonisten vieler amerikanischer Filme funktioniert Europa als so etwas wie ein kontinentales Unterbewusstsein: Die Überquerung des ″großen Teichs″ verheißt ungekannte Freuden, aber auch eine Konfrontation mit den eigenen Ängsten, Schwächen und Verfehlungen. Im Horror-Genre nimmt diese Wiederkehr des Verdrängten blutig-drastische Züge an; in den Romanen der großen Suspense-Autorin Patricia Highsmith und den jeweiligen Verfilmungen schwelt die Gewalt oft zunächst unter der Oberfläche. So verwandelte sich der ″talentierte″ Gelegenheitsschwindler Tom Ripley vor der monumentalen Kulisse Südeuropas in einen mordenden Profi-Kriminellen, so eskaliert ein Wettstreit zweier Männer in ″Die Zwei Gesichter des Januars″ zum Duell mit abgründigen Ausmaßen.

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BOYHOOD von Richard Linklater

                                         Der Zauberer unter den Realisten

Es widerspricht im Grunde dem Konzept von Richard Linklaters Filmkunstwerk ″Boyhood″ eine bestimmte Szene hervorzuheben. Dennoch eignet sich eine Stelle tatsächlich besonders dafür, den Zauber dieses außergewöhnlichen Films begreiflich zu machen. In dieser Szene fragt der Junge Mason (Ellar Coltrane), dessen Jugend der Film begleitet, seinen Vater (Ethan Hawke) nach der Bedeutung von Magie: ″Gibt es denn irgendwo auf dieser Welt Elfen?″, will er wissen. Der Vater antwortet, dass es überall ungewöhnliche Dinge gäbe. Denk nur mal an Wale, sagt er zu seinem Sohn: hausgroße Säugetiere, die tief im Meer leben und sich mit rätselhaften Gesängen verständigen. Das sei doch zumindest genauso erstaunlich wie Elfen – welche, so gibt er zu, mit ziemlicher Sicherheit nicht existieren. Diese Philosophie nimmt ″Boyhood″ ernst und übersteigt so den Wirkungsgrad der meisten Coming-Of-Age-Filme: Das Gewöhnliche ist ungewöhnlich, das Profane ist magisch – es kommt nur auf den Blickwinkel an.

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DAS FINSTERE TAL von Andreas Prochaska

                                                                       Blutiger Schnee

Die endlosen Weiten des Westerns waren schon immer mehr als bloßer Schauplatz für Cowboy-Dramen. Sie sind, und daran hat sich auch im 21. Jahrhundert nichts geändert, ein mystisch aufgeladener Ur-Raum, in dem der ewige Konflikt zwischen Individuum und Gruppe ausgetragen wird und das nicht nur mit Pistolen und Gewehren. Im amerikanischen Kontext, aus dem der Western stammt, bezieht sich das vor allem auf den American Dream, das Streben des einsamen Helden nach Erlösung. Aber auch in andere Länderkontexten ist die Philosophie des Westerns importierbar, berühmtestes Beispiel ist die Italo-Western-Welle der 60er und 70er. An diesen Filmen orientiert sich auch der Österreicher Andreas Prochaska, der in „Das Finstere Tal“ den gleichnamigen Roman von Thomas Willmann als düsteren Alpen-Western inszeniert.

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THE GRAND BUDAPEST HOTEL von Wes Anderson

                                                         Transatlantisches Freudenfest

Der europäische Ausflug kommt bei US-Regisseuren wieder in Mode. Damit ist nicht ausschließlich das Setting ihrer Filme gemeint, sondern ein übergeordnetes Interesse daran, eine Art gesamteuropäisches Flair zu erzeugen – eine Rundreise, wenn man so will, durch europäische Kultur, Tradition und Geschichte in 2 Stunden Film. Viel anders machen es amerikanische Touristen ja auch nicht. Auf Quentin Tarantinos Euro-Trip „Inglorious Basterds“ folgt nun Wes Andersons „The Grand Budapest Hotel“ und es ist durchaus erstaunlich, wie sehr sich beide Filme strukturell ähneln. Zwar verzichtet Anderson darauf, eine amerikanische Perspektive in den Film miteinzubauen, der Plot beider Filme speist seine Energie aber aus dem gleichen, gesamteuropäischen Geschehen: dem Zweiten Weltkrieg.

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SAVING MR. BANKS von John Lee Hancock

                                                       Die Disney-Therapie

Groß war der Aufschrei in Fan-Kreisen als sich der Disney-Konzern zuletzt nicht nur die Filmabteilung der Kult-Comic-Marke ″Marvel″ sondern auch die Rechte an George Lucas’ ″Star Wars″ einverleibte. Dabei wirkt diese Aufregung vergleichsweise lächerlich: Schließlich gehört es schon seit den frühesten Tagen der 90-jährigen Unternehmensgeschichte der Disney Company zu ihrem Erfolg, ″kreativen Content″ - um mal im Business-Sprech zu formulieren – einzukaufen und mit dem ″Feenstaub″ Marke Disney auf Linie zu bringen. Der Trubel um Lucas und Marvel wirkt deswegen so albern, weil sich hinter beiden schließlich selbst längst nur noch gesichtslose Firmen verbargen. Von der intimen, direkten Konfrontation einer kreativen Vision mit der Ideologie- und Geld-Maschine Disney wird nun im Film ″Saving Mr. Banks″ erzählt – produziert von Disney.

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ALL IS LOST von J.C. Chandor

                                                     Unser Mann und die Leere

Man könnte es beinahe eine subversive Gegenbewegung nennen: Während aktuelle Blockbuster ihre Plots und Settings scheinbar bis zum Rand vollstopfen mit inhaltlichen und visuellen Verweisen, Motiven und Parodien auf alle möglichen Texte von nordischer Mythologie bis ″Star Wars″, entwickelt sich gar nicht so weit abseits dieses Mainstreams ein neues minimalistisches Bewusstsein. Das Wort ″Minimalismus″ ist hier allerdings mit Vorsicht zu verwenden: Wie etwa Alfonso Cuarons ″Gravity″ zeigt, bedarf es teilweise größeren Aufwands, die Illusion von Leere zu erzeugen, als die Leinwand mit Heerscharen von Kreaturen zu bevölkern. Das gilt auch für das Zweitwerk des Regisseurs J.C. Chandor ("Margin Call") namens ″All Is Lost″, das mit nur einem Schauspieler und einem Schauplatz auskommt und dennoch sichtbar das grandiose Resultat perfektionistischer Kleinstarbeit ist.

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2013: KINORÜCKBLICK UND BESTENLISTE

Bei einem so umfassenden, komplexen und vielfältigen Korpus wie dem gesammelten Film-Output eines Jahres kann jede thematische Einordnung immer nur eine Annäherung sein. Mögen gewisse Trends durchaus verortbar sein, so muss doch auch jeder einzelne Film als individueller Ausdruck der kreativen Verantwortlichen betrachtet werden, nicht bloß als Teil eines größeren Puzzles mit eindeutigem Motiv. Nichtsdestotrotz: Das Film-Jahr 2013 wirft eine ganz besonders spannende Frage zum Stand des Kinos auf, die zwar sicherlich nicht neu ist, aber lange nicht mehr in so einer Konzentration und auf so unterschiedliche Weisen gestellt wurde. Die Rede ist vom produktiven Zusammenstoß, vom explosiven Kampf, von der Aushandlung zwischen dem, was auf Englisch treffend als ″high brow″ und ″low brow″ bezeichnet wird; der zunehmenden Vermischung von ″Kunst″ und ″Kitsch″, ″Trash″ und ″Anspruch″, Popcorn-Kino und Arthouse.

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KILL YOUR DARLINGS von John Krokidas

                                                  Der Rhythmus der Revolution

Die Beat-Poeten erobern die Kinoleinwand: Etwa 60 Jahre nach der Veröffentlichung von Allen Ginsbergs Gedichtsammlung ″Howl″ und immerhin fast 25 Jahre nach David Cronenbergs surrealistischer Verfilmung von William S. Burroughs ″Naked Lunch″ hat das Kino die jugendliche Aufbruchstimmung der New Yorker Bewegung als perfekten, literarischen Coming-Of-Age-Stoff erkannt. In ″Howl″ gab James Franco, selbst so ein Junger Wilder, einen ziemlich knackigen Ginsberg ab, ″On The Road″ erzählte Jack Kerouacs Roman halb-biographisch eingefärbt mit Sam Riley in der Hauptrolle nach. Nun folgt mit ″Kill Your Darlings″ ein umfassendes Porträt der vier jungen Männer im Zentrum der Beat Generation, das neben einer umwerfenden Besetzungsliste vor allem mit einer unkonventionellen Mischung aus Geschichtsstunde und rotzigem Jugendkino überzeugen kann.

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DAS ERSTAUNLICHE LEBEN DES WALTER MITTY von Ben Stiller

                                                  Der Held in uns allen

Road Movies führen ihre Helden üblicherweise über gewundene Pfade, durch schwere Prüfungen und große Gefahren ans Ziel – dabei handelt es sich zwar nur selten um das ursprünglich beabsichtigte Ziel der Reise, fast immer aber führt der Weg die Figuren dafür zur Erkenntnis und damit näher zu ihrem eigenen Selbst. Reise ist im Film, logischerweise, immer Bewegung und daher auch Transformation. In seinem dritten Film als Hauptdarsteller und Regisseur unternimmt Ben Stiller als Protagonist Walter Mitty diese Reisen zunächst nur in seinem Kopf, inspiriert offenbar vom Konsum zu vieler Hollywood-Filme. Um die Erzählmechanismen des Kinos aber für sich nutzen zu können, das legt sein Film selbstreflexiv und clever dar, muss man erst zum Held der eigenen Geschichte werden.

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SCHERBENPARK von Bettina Blümner

                                                        Zurück zum Beton

Ich komm aus Kreuzberg, du Muschi!″ Dieser Satz, der sich mittlerweile in unzähligen Abwandlungen auf Berliner Jute-Beuteln abgedruckt findet, machte Bettina Blümners abendfüllendes Dokumentarfilmdebüt ″Prinzessinnenbad″ berühmt als sympathisches Portrait dreier Großstadtmädchen und gleichzeitig cleveres Spiel mit gängigen ″Problemviertel″-Klischees. ″Scherbenpark″, Blümners erster Vorstoß in die Kategorie Kino-Spielfilm, ringt mit allen Kräften nach der gleichen Authentizität, kann an die prollige Spontanität der Dialoge aus dem Debüt aber leider nicht anschließen.

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YOU’RE NEXT von Adam Wingard

                                                           Töte deinen Nächsten

Wäre da nicht die im klassischen Horror-Aufbau übliche, blutige Einleitungsszene, man könnte ″You’re Next″ zunächst beinahe für eine schwarze Klassenkomödie halten: In einem riesigen, von der Zeit gezeichneten Landhaus findet ein Treffen der Familie Davison statt – der Vater hat sein Geld im Rüstungsgeschäft gemacht, seine vier Kinder sind neurotische Mitdreißiger, die sich untereinander alles andere als grün sind. Auch ihre jeweiligen Lebenspartner, die ebenfalls zu dem Familienwochenende geladen sind, sorgen nicht gerade für Entspannung. Das gemeinsame Essen der erweiterten Familie inszeniert Regisseur Adam Wingard noch als präzise beobachteten Marathon der geschwisterlichen Spitzfindigkeiten – dann steckt plötzlich jemandem ein Pfeil in der Stirn und ″You’re Next″ wechselt mit viel Gusto in die Genre-Kategorie des Slasher- bzw. Home-Invasion-Films.

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LFF 2013: INSIDE LLEWYN DAVIS von Ethan & Joel Coen

                                                             Im Schatten des Großen

Es gibt eine Szene in ″Das Leben des Brian″, Monty Pythons berühmter Bibelfilm-Parodie, in der wir, weit entfernt im Hintergrund, Jesus seine Bergpredigt halten sehen. Im Vordergrund des Bildes, sowie des Films generell, aber steht Brian, der unsympathische, neurotische Verlierer, dessen Dasein als Protagonist nur dadurch gerechtfertigt ist, zu Beginn des Plots mit dem Messias verwechselt worden zu sein. Nach dem gleichen Prinzip funktioniert der neue Film der Coen-Brüder, ″Inside Llewyn Davis″. Der Folksänger Llewyn ist ebenfalls nicht besonders charismatisch und auch er bewegt sich unwissentlich, und in einer Szene wortwörtlich, im Schatten einer noch unbekannten Messias-Figur – in diesem Fall ist das allerdings Bob Dylan.

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