Filmkritiken

DAS FINSTERE TAL von Andreas Prochaska

                                                                       Blutiger Schnee

Die endlosen Weiten des Westerns waren schon immer mehr als bloßer Schauplatz für Cowboy-Dramen. Sie sind, und daran hat sich auch im 21. Jahrhundert nichts geändert, ein mystisch aufgeladener Ur-Raum, in dem der ewige Konflikt zwischen Individuum und Gruppe ausgetragen wird und das nicht nur mit Pistolen und Gewehren. Im amerikanischen Kontext, aus dem der Western stammt, bezieht sich das vor allem auf den American Dream, das Streben des einsamen Helden nach Erlösung. Aber auch in andere Länderkontexten ist die Philosophie des Westerns importierbar, berühmtestes Beispiel ist die Italo-Western-Welle der 60er und 70er. An diesen Filmen orientiert sich auch der Österreicher Andreas Prochaska, der in „Das Finstere Tal“ den gleichnamigen Roman von Thomas Willmann als düsteren Alpen-Western inszeniert.

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THE GRAND BUDAPEST HOTEL von Wes Anderson

                                                         Transatlantisches Freudenfest

Der europäische Ausflug kommt bei US-Regisseuren wieder in Mode. Damit ist nicht ausschließlich das Setting ihrer Filme gemeint, sondern ein übergeordnetes Interesse daran, eine Art gesamteuropäisches Flair zu erzeugen – eine Rundreise, wenn man so will, durch europäische Kultur, Tradition und Geschichte in 2 Stunden Film. Viel anders machen es amerikanische Touristen ja auch nicht. Auf Quentin Tarantinos Euro-Trip „Inglorious Basterds“ folgt nun Wes Andersons „The Grand Budapest Hotel“ und es ist durchaus erstaunlich, wie sehr sich beide Filme strukturell ähneln. Zwar verzichtet Anderson darauf, eine amerikanische Perspektive in den Film miteinzubauen, der Plot beider Filme speist seine Energie aber aus dem gleichen, gesamteuropäischen Geschehen: dem Zweiten Weltkrieg.

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SAVING MR. BANKS von John Lee Hancock

                                                       Die Disney-Therapie

Groß war der Aufschrei in Fan-Kreisen als sich der Disney-Konzern zuletzt nicht nur die Filmabteilung der Kult-Comic-Marke ″Marvel″ sondern auch die Rechte an George Lucas’ ″Star Wars″ einverleibte. Dabei wirkt diese Aufregung vergleichsweise lächerlich: Schließlich gehört es schon seit den frühesten Tagen der 90-jährigen Unternehmensgeschichte der Disney Company zu ihrem Erfolg, ″kreativen Content″ - um mal im Business-Sprech zu formulieren – einzukaufen und mit dem ″Feenstaub″ Marke Disney auf Linie zu bringen. Der Trubel um Lucas und Marvel wirkt deswegen so albern, weil sich hinter beiden schließlich selbst längst nur noch gesichtslose Firmen verbargen. Von der intimen, direkten Konfrontation einer kreativen Vision mit der Ideologie- und Geld-Maschine Disney wird nun im Film ″Saving Mr. Banks″ erzählt – produziert von Disney.

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ALL IS LOST von J.C. Chandor

                                                     Unser Mann und die Leere

Man könnte es beinahe eine subversive Gegenbewegung nennen: Während aktuelle Blockbuster ihre Plots und Settings scheinbar bis zum Rand vollstopfen mit inhaltlichen und visuellen Verweisen, Motiven und Parodien auf alle möglichen Texte von nordischer Mythologie bis ″Star Wars″, entwickelt sich gar nicht so weit abseits dieses Mainstreams ein neues minimalistisches Bewusstsein. Das Wort ″Minimalismus″ ist hier allerdings mit Vorsicht zu verwenden: Wie etwa Alfonso Cuarons ″Gravity″ zeigt, bedarf es teilweise größeren Aufwands, die Illusion von Leere zu erzeugen, als die Leinwand mit Heerscharen von Kreaturen zu bevölkern. Das gilt auch für das Zweitwerk des Regisseurs J.C. Chandor ("Margin Call") namens ″All Is Lost″, das mit nur einem Schauspieler und einem Schauplatz auskommt und dennoch sichtbar das grandiose Resultat perfektionistischer Kleinstarbeit ist.

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2013: KINORÜCKBLICK UND BESTENLISTE

Bei einem so umfassenden, komplexen und vielfältigen Korpus wie dem gesammelten Film-Output eines Jahres kann jede thematische Einordnung immer nur eine Annäherung sein. Mögen gewisse Trends durchaus verortbar sein, so muss doch auch jeder einzelne Film als individueller Ausdruck der kreativen Verantwortlichen betrachtet werden, nicht bloß als Teil eines größeren Puzzles mit eindeutigem Motiv. Nichtsdestotrotz: Das Film-Jahr 2013 wirft eine ganz besonders spannende Frage zum Stand des Kinos auf, die zwar sicherlich nicht neu ist, aber lange nicht mehr in so einer Konzentration und auf so unterschiedliche Weisen gestellt wurde. Die Rede ist vom produktiven Zusammenstoß, vom explosiven Kampf, von der Aushandlung zwischen dem, was auf Englisch treffend als ″high brow″ und ″low brow″ bezeichnet wird; der zunehmenden Vermischung von ″Kunst″ und ″Kitsch″, ″Trash″ und ″Anspruch″, Popcorn-Kino und Arthouse.

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KILL YOUR DARLINGS von John Krokidas

                                                  Der Rhythmus der Revolution

Die Beat-Poeten erobern die Kinoleinwand: Etwa 60 Jahre nach der Veröffentlichung von Allen Ginsbergs Gedichtsammlung ″Howl″ und immerhin fast 25 Jahre nach David Cronenbergs surrealistischer Verfilmung von William S. Burroughs ″Naked Lunch″ hat das Kino die jugendliche Aufbruchstimmung der New Yorker Bewegung als perfekten, literarischen Coming-Of-Age-Stoff erkannt. In ″Howl″ gab James Franco, selbst so ein Junger Wilder, einen ziemlich knackigen Ginsberg ab, ″On The Road″ erzählte Jack Kerouacs Roman halb-biographisch eingefärbt mit Sam Riley in der Hauptrolle nach. Nun folgt mit ″Kill Your Darlings″ ein umfassendes Porträt der vier jungen Männer im Zentrum der Beat Generation, das neben einer umwerfenden Besetzungsliste vor allem mit einer unkonventionellen Mischung aus Geschichtsstunde und rotzigem Jugendkino überzeugen kann.

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DAS ERSTAUNLICHE LEBEN DES WALTER MITTY von Ben Stiller

                                                  Der Held in uns allen

Road Movies führen ihre Helden üblicherweise über gewundene Pfade, durch schwere Prüfungen und große Gefahren ans Ziel – dabei handelt es sich zwar nur selten um das ursprünglich beabsichtigte Ziel der Reise, fast immer aber führt der Weg die Figuren dafür zur Erkenntnis und damit näher zu ihrem eigenen Selbst. Reise ist im Film, logischerweise, immer Bewegung und daher auch Transformation. In seinem dritten Film als Hauptdarsteller und Regisseur unternimmt Ben Stiller als Protagonist Walter Mitty diese Reisen zunächst nur in seinem Kopf, inspiriert offenbar vom Konsum zu vieler Hollywood-Filme. Um die Erzählmechanismen des Kinos aber für sich nutzen zu können, das legt sein Film selbstreflexiv und clever dar, muss man erst zum Held der eigenen Geschichte werden.

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SCHERBENPARK von Bettina Blümner

                                                        Zurück zum Beton

Ich komm aus Kreuzberg, du Muschi!″ Dieser Satz, der sich mittlerweile in unzähligen Abwandlungen auf Berliner Jute-Beuteln abgedruckt findet, machte Bettina Blümners abendfüllendes Dokumentarfilmdebüt ″Prinzessinnenbad″ berühmt als sympathisches Portrait dreier Großstadtmädchen und gleichzeitig cleveres Spiel mit gängigen ″Problemviertel″-Klischees. ″Scherbenpark″, Blümners erster Vorstoß in die Kategorie Kino-Spielfilm, ringt mit allen Kräften nach der gleichen Authentizität, kann an die prollige Spontanität der Dialoge aus dem Debüt aber leider nicht anschließen.

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YOU’RE NEXT von Adam Wingard

                                                           Töte deinen Nächsten

Wäre da nicht die im klassischen Horror-Aufbau übliche, blutige Einleitungsszene, man könnte ″You’re Next″ zunächst beinahe für eine schwarze Klassenkomödie halten: In einem riesigen, von der Zeit gezeichneten Landhaus findet ein Treffen der Familie Davison statt – der Vater hat sein Geld im Rüstungsgeschäft gemacht, seine vier Kinder sind neurotische Mitdreißiger, die sich untereinander alles andere als grün sind. Auch ihre jeweiligen Lebenspartner, die ebenfalls zu dem Familienwochenende geladen sind, sorgen nicht gerade für Entspannung. Das gemeinsame Essen der erweiterten Familie inszeniert Regisseur Adam Wingard noch als präzise beobachteten Marathon der geschwisterlichen Spitzfindigkeiten – dann steckt plötzlich jemandem ein Pfeil in der Stirn und ″You’re Next″ wechselt mit viel Gusto in die Genre-Kategorie des Slasher- bzw. Home-Invasion-Films.

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LFF 2013: INSIDE LLEWYN DAVIS von Ethan & Joel Coen

                                                             Im Schatten des Großen

Es gibt eine Szene in ″Das Leben des Brian″, Monty Pythons berühmter Bibelfilm-Parodie, in der wir, weit entfernt im Hintergrund, Jesus seine Bergpredigt halten sehen. Im Vordergrund des Bildes, sowie des Films generell, aber steht Brian, der unsympathische, neurotische Verlierer, dessen Dasein als Protagonist nur dadurch gerechtfertigt ist, zu Beginn des Plots mit dem Messias verwechselt worden zu sein. Nach dem gleichen Prinzip funktioniert der neue Film der Coen-Brüder, ″Inside Llewyn Davis″. Der Folksänger Llewyn ist ebenfalls nicht besonders charismatisch und auch er bewegt sich unwissentlich, und in einer Szene wortwörtlich, im Schatten einer noch unbekannten Messias-Figur – in diesem Fall ist das allerdings Bob Dylan.

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LFF 2013: TRACKS von John Curran

                                      Finde, was du suchst und kehre zurück

Nicole Kidman, Julia Roberts, Mia Wasikowska – die ersten beiden beherrschten zumindest einige Jahre lang absolut unangefochten den Thron Hollywoods, die dritte im Bunde taucht in letzter Zeit immer häufiger in Listen der hoffnungsvollsten Newcomer auf. Vielleicht bricht nun bald Wasikowskas Zeit auf dem Olymp an, tritt sie doch im neuen Film von John Curran wortwörtlich in die Fußspuren der beiden Diven. ″Tracks″ erzählt die wahre Geschichte von Robyn Davidson, einer Australierin, die sich 1977 mit gerade einmal 27 Jahren aufmachte, zu Fuß einen 2700 Kilometer langen Treck durch die australische Wüste anzutreten – begleitet nur von drei Kamelen und einem Hund. Die Verfilmung ihres Reiseberichts ist bereit seit Jahrzehnten in Planung, für die Hauptrolle waren zwischenzeitlich sowohl Roberts als auch Kidman vorgesehen. Zum Glück hat sich die Zeit für Wasikowska entschieden.

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LFF 2013: NIGHT MOVES von Kelly Reichardt

                                                                 Explosion im Off

Die Filme der amerikanischen Regisseurin Kelly Reichardt sind allesamt präzise Beobachtungen der Wechselbeziehung zwischen Mensch und Natur. Von ″Leaves Of Grass″ bis zu ″Meek’s Cutoff″ konfrontiert sie ihre Figuren mit der Macht und Urwüchsigkeit des nordamerikanischen Kontinents und schaut, was dies in den Protagonisten zu Tage fördert. Es ist daher konsequent, dass sie sich in ihrem nunmehr fünften Spielfilm ″Night Moves″ etwas distanzierter, komplexer, aber keineswegs spröde, mit dem gleichen Aspekt auseinandersetzt. Wie schon im Vorgänger beweist sie nämlich, dass sie auch mit den Codes des Genre-Kinos durchaus vertraut ist.

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LFF 2013: THE ZERO THEOREM von Terry Gilliam

                                                         Die Nichts-Maschinen

Seit den von Kritikern wie Zuschauern eher verhalten bis enttäuscht aufgenommenen Filmen ″Brothers Grimm″, ″Tideland″ und ″Doctor Parnassus″ ist es still geworden um den großen Surrealisten Terry Gilliam. Zumindest auf der Kinoleinwand. Mit großem Erfolg inszenierte er am Londoner Opernhaus ″The Damnation Of Faust″, trat in der TV-Sendung ″Durch die Nacht mit…″ auf und schrieb zahlreiche Drehbücher, unter anderem Adaptionen von Paul Auster und Neil Gaiman, die bisher jedoch alle unverfilmt bleiben. Mit ″The Zero Theorem″ kehrt Gilliam nun als Regisseur zurück und scheint mit dem von Newcomer Pat Rushin verfassten Stoff an seinen beliebtesten Film ″Brazil″ anschließen zu vollen.

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LFF 2013: AS I LAY DYING von James Franco

                                                        Zweigeteilte Ödnis

Amerikanisches Hinterland ist als Filmschauplatz zur Zeit so relevant wie seit gut 40 Jahren nicht mehr. Wo damals aber garstige Karikaturen der sogenannten Hillbillies in Filmen wie “Deliverance” und “The Texas Chainsaw Massacre” auf Menschenjagd gingen, ist nun eine neue Nüchternehit eingekehrt: Filme wie “Winter’s Bone” und “No Country For Old Men” gewähren einen Blick hinter die verzerrten Grimassen der Hinterwäldler und rücken sie als vielschichtige Protagonisten in den Vordergrund. Es ist daher beinahe erstaunlich, dass in den letzten Jahren nicht schon eher jemand auf den Gedanken gekommen ist, einen Blick zurück zu werfen und einen der Romane des Großmeisters der “Hillbilly-Poesie”, William Faulkner, zu verfilmen. Nun hat James Franco den Job übernommen und versucht mit spannenden Resultaten Faulkners Perspektivenvielfalt gerecht zu werden.

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DER SCHAUM DER TAGE von Michel Gondry

                                                           Tanz auf Gummibeinen

Aus vermeintlich unverfilmbaren Romanen werden oft die besten Literaturverfilmungen. Populäre zeitgenössische Beispiele reichen von ″American Psycho″ über ″Life Of Pi″ zu ″A Scanner Darkly″ und ″Fight Club″. Der Grund dafür mag sein, dass Regisseure und Drehbuchautoren hier förmlich zur Kreativität gezwungen werden, wenn sie die komplizierten Romanstrukturen visuell in die zeitlich und materiell begrenzte Filmwelt zu übertragen suchen. Boris Vians ″Der Schaum der Tage″ galt lange als ein solch unverfilmbarer Roman, doch nun hat sich ″Vergiss Mein Nicht″-Regisseur Michel Gondry der expressionistisch-überbordenen Prosa angenommen und daraus geradezu einen Bilder-Tornado gemacht – mit gemischten Ergebnissen.

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