Filmkritiken

THE LOOK OF LOVE von Michael Winterbottom

                                                     Glitzernde Oberflächen

Wer heute das Londoner Stadtviertel Soho betritt, wird mit ausgefallenen Restaurants, stylischen Pubs, teuren Boutiquen, gepflegten Parks und hippen Schwulenclubs konfrontiert. Nur die hier und da aufblinkenden Neon-Schilder, die meist einen ″fully licenced Sex-Shop″ anpreisen, erinnern daran, dass Soho noch vor wenigen Jahren als verruchtes Rotlichtviertel bekannt war. In diese Zeit, die 1970er Jahre, taucht Michael Winterbottoms dritte Zusammenarbeit (nach ″24 Hour Party People″ und ″A Cock And Bull Story″) mit Komiker-Legende Steve Coogan ab. Coogan verkörpert Paul Raymond, den ehemaligen ″King Of Soho″, der einst ein Vermögen mit seinen Striptease-Shows und Sexmagazinen machte und gar den Titel ″reichster Mann Englands″ bekleidete. Trotz schillerndem Protagonisten und schlüpfriger Thematik wirkt ″The Look Of Love″ oftmals leicht angestaubt.

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IRON MAN 3 von Shane Black

                                        Die Rückkehr des Mechanikers

The truth is… I am Iron Man – als Tony Stark 2008 mit diesem Selbstbekenntnis den ersten Iron-Man-Film beendete, markierte er gleichzeitig die Geburtsstunde des grellen Marvel Cinematic Universe. Der prollig kindliche Iron Man bot dem ebenfalls 2008 erschienen “The Dark Knight” die Stirn und statt Selbstverleumdungsmotiv und Hans Zimmer, knallte Marvel uns Black Sabbath und einen übermütig grinsenden Robert Downey Jr. um die Ohren. Der Ex-Kokser, -Fixer und -Knasti Downey Jr. überzeugte mit seiner kongenialen Blockbuster-Performance auch den letzten Kritiker von seinem Comeback und stellte mit Iron Man einen Comichelden vor, der sich nicht so sehr um Maskierung und schizophrene Superhelden-Anthropologie kümmerte, sondern als imperfekt menschlicher Großkotz mit voller Identität an die Helden-Verantwortung geht. Regisseur Shane Black (“Kiss, Kiss, Bang, Ban”) entwickelt diesen Helden dramaturgisch und visuell in “Iron Man 3” konsequent weiter und stellt Robert Downey Jr. mit Guy Pearce und Ben Kingsley zwei mehr als würdige Gegenspieler in den Weg

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EVIL DEAD von Fede Alvarez

                                           Vom Rennpferd zum Esel

Es spricht für den Einfluss und die Qualität von Drew Goddards Horrorpuzzle ″The Cabin In The Woods″, dass man sich während des besonders zähen Mittelparts von ″Evil Dead″ ständig fragt, wann endlich die Killerroboter und Wassermänner auftauchen. Man verrät wohl nicht zu viel damit zu sagen, dass dies nie passiert. Denn erstens handelt es sich bei Fede Alvarez’ Debütfilm um ein Remake des gleichnamigen Klassikers (in Deutschland: ″Tanz der Teufel″) von 1981, der das ″Hütte-im-Wald″-Setting sozusagen erfunden hat; zweitens nimmt sich diese Neuverfilmung, im Vergleich zum Vorbild, so bitter ernst und wichtig, dass man heulen möchte.

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SIDE EFFECTS von Steven Soderbergh

                                          Foucault goes Soderbergh

“Side Effects” macht Schluss mit den Genre-Geschlechterexperimenten. Nach strippenden Männern und kämpfenden Frauen tritt Steven Soderbergh in die klassischen Hallen der cineastischen Misogynie und damit in die Fußstapfen altehrwürdiger Herren der Zunft wie Ingmar Bergman oder Alfred Hitchcock. “Side Effects” eifert Klassikern wie “Marnie” oder “Persona” nach und kümmert sich um die “pathologische Seele der Frau” - doch natürlich ist das nicht alles und würde in dieser Form auch kaum zu Soderbergh passen. Er lässt Rooney Mara als Titelheldin nicht nur durch die eigenen psychischen Tiefen, sondern auch durch die pharmazeutische Hölle der Antidepressiva wandern. Ein Psycho-Pharma-Thriller, und noch viel viel mehr - Soderberghs vorerst letzter Film hat es ganz fies in sich.

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TRICKFILM FESTIVAL STUTTGART 2013: Kurzreviews I

                                 Von den Grenzen des Darstellbaren

Ob dem Animationsfilm die Zukunft gehört oder nicht - darüber lässt sich streiten. Doch dass sich in diesem wuselig dynamischen, schnell wachsenden medialen Grenzgebiet eine Menge über den Film an sich und sein immer noch lange nicht ausgeschöpftes Potential lernen lässt - das sollte eigentlich einleuchten. In diesem Sinne bieten die Filme des Stuttgarter Trickfilmfestivals einen reichen Steinbruch von fruchtbaren, frischen Gedanken und provokativen Inszenierungen. Von Charakterprofilierung, über Sound-Design bis hin zu frischen Konzepten in Kadrierung und Schnitt - wer wissen will, wo das Herzblut für neue cineastische Ideen hinpumpt, muss seltsamerweise nach Stuttgart fahren.

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POST TENEBRAS LUX von Carlos Reygadas

                                               It’s A Dream, It’s A Memory

Als die internationale Jury in Cannes Carlos Reygadas im Jahr 2012 den Preis für die beste Regie verlieh, war das eine keinesfalls unumstrittene Entscheidung. Jurypräsident Nanni Moretti erklärte, selbst innerhalb der Jury wäre um den Film ″Post Tenebras Lux″ erbittert gestritten worden. Welchen Stellenwert man nun Film-Auszeichnungen auch persönlich zumessen mag: diese Kontroverse ist spannend, weil sie sich nicht, wie etwa bei Reygadas Film ″Battle In Heaven″, um skandalträchtige Bilder dreht, sondern um die Struktur des Films. Zuschauer wie Kritiker bemängelten, ″Post Tenebras Lux″ sei schlichtweg unverständlich, ein wirrer Bildermischmasch ohne Sinn und Verstand. Die Debatte zeigt, wie eisern selbst im vermeintlich ″freieren″ Arthouse-Kino an gewissen narrativen und visuellen Standards festgehalten wird, und jede Grenzübertretung kritisch beäugt wird. Dabei handelt es sich bei ″Post Tenebras Lux″ um hochgradig mutiges, bewusstseinserweiterndes Kino, das doch gleichzeitig niemals abgehoben wirkt.

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THE PLACE BEYOND THE PINES von Derek Cianfrance

                                    Zeit zu lieben und Zeit zu sterben

Schon mit seinem Vorgängerfilm ″Blue Valentine″ zeigte Regisseur Derek Cianfrance, wie brillant er es versteht, Film-Zeit mit großem Effekt zu manipulieren: Der Kniff, den langsamen Verfall einer Liebesbeziehung nicht chronologisch, sondern auf verschiedenen Zeitebenen zu erzählen – kürzlich aufgegriffen in van Groenigens ″The Broken Circle″ – demonstrierte kunstvoll den Sieg der Fiktion über die Realität, die Möglichkeit des Kinos, nicht zwangsläufig beim Anfang anzufangen und beim Ende aufzuhören. Nebenbei machte er, gemeinsam mit Nicholas Winding Refns ″Drive″, Ryan Gosling zum Liebling ″anspruchsvoller″ Kinogänger und Teenie-Mädchen zugleich. Beides greift ″The Place Beyond The Pines″ bewusst auf – nur um dann drastisch gänzlich andere Richtungen einzuschlagen.

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TRANCE von Danny Boyle

                                      Sie werden jetzt ganz, ganz müde…

Da ist er wieder, der Wanderer zwischen den Genres. Nachdem er die ganze Welt mit seiner bombastischen, aber stilvollen Olympia-Eröffnungszeremonie in Aufruhr versetzt hat, kehrt Danny Boyle mit ″Trance″ auf die große Leinwand zurück – einem Film, der paradoxerweise ins Werk des Briten passt, eben weil er sich erneut wenig mit Boyles anderen Filmen vergleichen lässt. So folgt nun auf ″127 Stunden″, einem Film, der schließlich mehr oder weniger mit einem einzigen Ort und einem einzigen Schauspieler auskam, ″Trance″, ein komplexes Verwirrspiel auf zahlreichen Bewusstseinsebenen. Neben Horror, Komödie, Science-Fiction und Musical kann Boyle nun also auch ″Psychologischer Thriller″ auf seiner Genre-Liste abhaken.

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COMPLIANCE von Craig Zobel

                                          Das Unerklärbare umkreisen

Filme wie Oliver Hirschbiegels ″Das Experiment″, dessen amerikanisches Remake und nun Craig Zobels Debütfilm ″Compliance″ gehen an die Grenze des Zeigbaren. Nicht, weil sie zwangsläufig in Gewalt und Sex schwelgen (wobei ″Das Experiment″ tatsächlich nur knapp am Exploitation-Genre vorbeischrammt), sondern weil sie den Zuschauer in ihrer Darstellung von gefährlicher, ja absurder Autoritätshörigkeit mit sich selbst konfrontieren. ″Ich würde niemals so handeln″, sagen wir uns, oder gar: ″So würde doch niemand handeln!″ Tatsächlich wirken einige Stellen in ″Compliance″ so extrem, so unvorstellbar, dass man geneigt ist, sich mit gezwungenem Gelächter abzuwenden – der Plot des Films aber beruht auf einer wahren Begebenheit, deren Verlauf jeder nachlesen kann und feststellen wird: Übertrieben wurde hier nichts, lediglich die Fakten in einen unterschiedlichen, narrativen Kontext versetzt. Was die Beklemmung, die der Film erzeugt, nur noch verstärkt.

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THE PAPERBOY von Lee Daniels

                                 Wenn Kidman auf Zac Efron pinkelt

Alle Filme, Fotos, Fernsehauftritte und sonstigen Aktivitäten eines Filmstars tragen zu seinem oder ihrem Image bei, welches wiederum darüber entscheidet, in welcher Rolle er/sie als nächstes gecastet wird. Ein Star kann seinem Image entsprechend gecastet werden – etwa Bruce Willis als lakonischer Action-Held – und das Publikum bekommt, was es kennt und liebt; oder man besetzt einen Schauspieler entgegen seiner zuvor etablierten Persona und erregt so die Neugier der Zuschauer – etwa Bruce Willis in ″Moonrise Kingdom″. Der Reiz, den Lee Daniels Film ″The Paperboy″ ausübt, generiert sich beinahe ausschließlich aus letzterer Strategie: Nicole Kidman, John Cusack, Matthew McConaughey, Zac Efron und andere schlüpfen hier in bizarrste, teilweise abstoßende Rollen und mischen den ansonsten reichlich lahmen Krimi-Plot auf.

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STOKER von Park Chan-Wook

                                             Koreanische Dissonanzen

Mit seiner kunstvoll inszenierten Rache-Trilogie, ganz besonders deren Herzstück ″Old Boy″, hat sich der koreanische Regisseur Park Chan-Wook in die analytisch schwer greifbare Kategorie des ″Kult″ katapultiert. Seine Filme wiesen scheinbar genau die richtige Menge an brutaler Gewalt, ironischer Distanz und nicht-linearer Erzählstruktur auf, die spätestens seit den 1990ern diese Kategorie definiert. Mit ″I’m A Cyborg But That’s Okay″ bewies Chan-Wook eindrucksvoll, dass er seine stilbildende Seltsamkeit auch auf das Genre der romantischen Komödie ausweiten kann, der folgende Vampir-Horror ″Thirst″ deutete allerdings bereits einen gewissen Verschleiß seines Stils an. Mit ″Stoker″ folgt nun der erste Ausflug des Koreaners nach Hollywood – ein Transfer dessen Resultat vor allem eines ist: merkwürdig.

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TO THE WONDER von Terrence Malick

                                                Meister der Magischen Stunde

Text und Kontext gehen bei Terrence Malicks Filmen Hand in Hand: Inhaltlich beschäftigen sich seine Filme, mehr als grob gefasst, mit dem Wunderbaren, dem Mysteriösem, dem Göttlichen in der Welt und ebenso mysteriös ist die Entstehung und Verbreitung dieser Filme. Weder weiß man genau, wie Malick heutzutage aussieht (man vermutet: alter Mann mit weißem Bart), noch wo er sich aufhält; seine Filme tauchen oftmals ohne große Vorankündigung in den Kinos auf, entziehen sich jeglicher Kategorisierung, sind umrundet von unbestätigten Gerüchten über ihren Entstehungsprozess. So auch ″To The Wonder″, ein Film, der viele der bekannten Stilmittel des Regisseurs aufgreift, seinem Werk aber auch einige neue Aspekte hinzufügt.

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BERLINALE 2013: THE BEST OFFER von Giuseppe Tornatore

                                                    Wer zu spät kommt…

Das Kino des Giuseppe Tornatore ist problematisch. “Cinema Paradiso”, “Der Zauber von Malena”, “Die Legende des Ozeanpianisten” - seine Filme sind schwelgerisch, zutiefst nostalgisch und baden sich fast immer in der Abendsonne einer fragwürdigen Romantik. Lähmung liegt in der Luft. Unter den herrlich pathetischen Filmgewändern des italienischen Zauberers liegen pathologische, ohnmächtige oder morbide Strukturen, nach “Baaria” warf man Tornatore 2009 sogar gezielten Berlusconismus vor. Im geisterhaften Romantik-Thriller “The Best Offer“ konfrontiert er nun seine eigenen Dämonen und unterzieht sie einem ehrlichen Hitchcock-Exorzismus. Als Regisseur bleibt er seinen formal und inhaltlich anachronistischen Eigenheiten treu, schafft es aber ihnen eine reife und kritische Tiefe zu geben.

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HITCHCOCK von Sacha Gervasi

                                       Im fülligen Schatten des Meisters

Einen Film über einen der Großmeister des Films zu drehen, ist riskant, muss man als Regisseur doch zwangsweise akzeptieren, dass das Sujet die Inszenierung überschatten wird, oder anders gesagt: Hat man nicht die wahnsinnige Idee, sich stilistisch mit Hitchcock messen zu wollen, kann man sich nur ehrfürchtig vor ihm verbeugen und hoffen, dass etwas Interessantes dabei herauskommt. Interessant ist Sacha Gervasis Ansatz bei seinem Hitch-Biopic allemal, inszeniert er die Entstehungsgeschichte von Hitchcocks einflussreichstem Film ″Psycho″ nicht etwa als spannungsreichen Thriller sondern als gemächlich-humorvolles Ehe-Drama und versucht sich damit aus den Jagdgründen des Meisters fernzuhalten – das ist durchaus unterhaltsam, auf Dauer allerdings auch ermüdend seicht.

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BERLINALE 2013: AN EPISODE IN THE LIFE OF AN IRON PICKER von Danis Tanovic

                           Von der unerträglichen Leichtigkeit zu sterben

2002 setzte sich Danis Tanovic mit seinem bitteren Antikriegsdrama “No Man´s Land” gegen das zuckersüße Lutschbonbon “Die fabelhafte Welt der Amelie” durch und gewann den Oscar für den besten Fremdsprachigen Film. Die Berlinale ist weit davon entfernt ein Wohlfühlfestival zu sein, doch selbst hier schafft es Tanovic, das Publikum auf den harten Nährboden der Realität zurückzuholen - und übertrifft sich damit selbst. Er porträtiert eine authentische Roma-Familie tief im verschneiten Bosnien-Herzegowina, verzichtet auf den penetranten Zeigefinger eines sozialpolitisch engagierten Regisseurs, sondern versenkt sich stattdessen filmisch in der Lebenswirklichkeit der Protagonisten. “An Episode In The Life Of An Iron Picker” ist die feinfühlige Dokumentation einer bestürzenden Geschichte – zurecht belohnt mit dem Großen Preis der Jury, und dem Darstellerbären für Nazif Mujic.

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